Fachbibliothek des Juristischen Seminars

Universitätsjubiläum und Ausstellung im Juristischen Seminar

Aus Anlass des 350-jährigen Universitätsjubiläums der Christiana Albertina wurde vom 19. Oktober 2015 bis zum 13. Februar 2016 in der Fachbibliothek am Juristischen Seminar eine Buchausstellung gezeigt. Sie trug den Titel 350 Jahre Rechtswissenschaft an der Christiana Albertina im Spiegel der Bestände des Juristischen Seminars“. Anhand ausgewählter Schriften aus den Bibliotheksbeständen des Juristischen Seminars wurde die wechselvolle Geschichte der Kieler Rechtswissenschaft sichtbar gemacht und illustriert. Bei der schon gut besuchten Ausstellungseröffnung gab der Prodekan Prof. Dr. Rudolf Meyer-Pritzel einen Überblick über die Fakultätsgeschichte. Außerdem sprach der Vorsitzende der Kieler Doctoris Juris e. V. Prof. Dr. Andreas Hoyer ein Grußwort und der Kurator der Ausstellung Dr. Thomas Krause führte in die Ausstellung ein. Im Verlauf des Ausstellungszeitraums nahmen zahlreiche Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit wahr, sich die Exponate und Info-Tafeln während der Öffnungszeiten der Bibliothek anzuschauen. Für einen Eindruck von der Ausstellung klicken Sie die jeweiligen Epochen an und werfen Sie gerne einen Blick auf die entsprechenden Fotos!

Gesamtbild Ausstellung

 

Fotos

Hier finden Sie einen kleinen Eindruck anhand einiger Fotos der Jubiläumsausstellung.

 

Ausstellung Bild 1                            Ausstellung Bild 2

 

Ausstellung 8

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Fotografie des Rechtshistorikers und Seerechtlers
Max Pappenheim (1860-1934)

Die Fakultät in der Gottorfer Zeit und im dänischen Gesamtstaat (1665-1867)

 

Als erster Rechtslehrer wurde der aus Itzehoe stammende Erich Mauritius (1631-1691) (1) an die neu gegründete Kieler Juristenfakultät berufen. Er hatte  vorher als Juraprofessor in Heidelberg und Tübingen gewirkt, wo er sogar als Rektor der dortigen Universität amtiert hatte. Sowohl er als auch die meisten anderen seiner Kieler Fakultätskollegen aus der Anfangszeit wie Samuel Reyher (1635-1714) (4) und Samuel Rachel (1628-1691) (3) sind heute indessen weitgehend vergessen. Letzterer bekleidete immerhin die in Kiel nach Heidelberger Vorbild geschaffene zweite Professur für Natur- und Völkerrecht in Deutschland und gilt als Schöpfer des Fakultätssiegels (2).

Im 18. und 19. Jahrhundert wies die Kieler Rechtsfakultät mit Johann Karl Heinrich Dreyer (1721-1802) (5) und vor allem Niels Nikolaus Falck (1784-1850) (9+10) bedeutende Vertreter des einheimischen Rechts auf, das hier frühzeitiger als andernorts gelehrt wurde. Falck ist außerdem durch sein politisches Engagement in Schleswig-Holstein für die hiesige Landesgeschichte bedeutsam geworden und war als wichtiger Vertreter der historischen Rechtsschule germanistischer Prägung auch überregional bekannt. Kennzeichnend für die Fakultät in den ersten zweihundert Jahren ihres Bestehens war indessen eher die Tatsache, dass Kiel vielen bedeutenden Gelehrten vor allem als Sprungbrett ihrer Hochschullehrerkarriere diente. Dementsprechend weist die Fakultätsgeschichte dieser Epoche etliche klangvolle Namen auf, die jeweils am Anfang ihrer Professorenlaufbahn einige Jahre lang an der Christiana Albertina tätig waren, um dann aber Rufe an größere und renommiertere Universitäten anzunehmen. Prägnante Beispiele dafür sind der bedeutende Strafrechtstheoretiker Paul Johann Anselm von Feuerbach (1775-1833, in Kiel 1802-1804) sowie die Zivil- und Römischrechtler Anton Friedrich Justus Thibaut (1772-1840, Prof. in Kiel 1798-1802) und Rudolf von Ihering (1818-1892, in Kiel 1849-1852).

Während die Hauptwerke dieser drei Gelehrten immerhin teilweise bereits während ihrer Kieler Zeit entstanden (6-8, 11), wirkte ein anderer bedeutender Juraprofessor erst am Ende seiner Laufbahn lediglich noch für zwei Jahre in Kiel. Es handelt sich um Wilhelm Eduard Wilda (1800-1856), das erste Fakultätsmitglied jüdischer Konfession. Er hatte sein wissenschaftliches Hauptwerk „Das Strafrecht der Germanen“ bereits im Jahre 1842 vorgelegt (12)

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Kieler Rechtswissenschaft in Preußen, im Kaiserreich und in der Weimarer Republik

 

In preußischer Zeit verlief die Entwicklung der Fakultät zunächst weiterhin eher unspektakulär und die meisten ihrer Mitglieder sind heute allenfalls Spezialisten noch bekannt. Während des Kaiserreichs und in der Weimarer Republik gelang es dann allerings zunehmend, auch überregional anerkannte Gelehrte nach Kiel zu berufen. Prominentestes Beispiel dafür ist der Staatsrechtler Albert Hänel (1833-1918), der über 50 Jahre lang an der Christiana Albertina wirkte und dessen Nachlass im Kieler Juristischen Seminar verwahrt wird (17-21). Er gilt nicht nur als eines der führenden Mitglieder seiner Zunft im Kaiserreich, sondern erlangte überregionale Bedeutung außerdem durch sein politisches Engagement als Reichstagsabgeordneter der Fortschrittspartei. Deuschlands wohl renommiertester Verwaltungsrechtler seiner Epoche Walter Jellinek (1885-1955)  war immerhin zehn Jahre lang von 1919 bis 1929 Professor in Kiel. Hier entstand nicht nur sein verwaltungsrechtliches Hauptwerk (30), sondern er hinterließ auch als Direktor des Juristischen Seminars bleibende Spuren. Während seiner Amtszeit vervierfachte er nämlich dessen Buchbestände und baute es damit zur zweitgrößten juristischen Bibliothek in Deutschland nach der Leipziger Reichsgerichtsbibliothek aus.

Unter den Zivilrechtlern avancierte der Handels- und Seerechtler Max Pappenheim (1860-1934) (23) während seines über 40 Jahre währenden Wirkens in Kiel zum Grandseigneur seiner Fakultät. Neben seinen seerechtlichen Schriften fanden vor allem seine Forschungen und Publikationen zur skandinavischen Rechtsgeschichte starke Beachtung (22).

Das Strafrecht verzeichnet während des Kaiserreichs und der Weimarer Republik mit Moritz Liepmann (1869-1928, in Kiel 1902-1919) (25), Hans von Hentig (1887-1951, in Kiel 1931-1934) (31), Hermann Kantorowicz (1877-1940, in Kiel 1929-1933) (28+29) und Gustav Radbruch (1878-1949, in Kiel 1919-1926) eine besonders große Zahl führender Vertreter. Während die ersten beiden sich vor allem als Kriminologen einen Namen machten, erlangten letztere beide vor allem als Rechtsphilosophen große Anerkennung (26). Gustav Radbruch war zudem als Strafrechtsreformer aktiv und konnte als zweimaliger Reichsjustizminister in 1920er Jahren die Strafrechtsreform im Sinne der „modernen Schule“ seines Lehrers Franz von Liszt auch praktisch vorantreiben. So wurden etwa die sogenannten „Geldstrafengesetze“, die erstmals seit dem Inkraftreten des Reichsstrafgesetzbuches die resozialisierungsfeindliche kurze Freiheitsstrafe zu Gunsten der Geldstrafe massiv zurückdrängten, von ihm veranlasst und traten während seiner Amtszeit in Kraft (27).

 

Preussische Zeit 1          Preussische Zeit 2

 

Kieler Fakultät und „Kieler Schule“ - die Zeit des Nationalsozialismus

 

Gerade weil die Kieler Juristenfakultät in der Spätzeit der Weimarer Republik etliche politisch betont liberale oder eher links eingestellte Gelehrte in ihren Reihen hatte und auch über mehrere jüdische Mitglieder verfügte, erregte sie nach dem Regimewechsel alsbald die besondere Aufmerksamkeit der neuen Machthaber. Diesen schien sie in besonderer Weise geeignet, als Pflanzstätte für eine Rechtserneuerung im nationalsozialistischen Sinne dienen zu können.

Politisch oder aus anderen Gründen missliebige Professoren wie etwa von Hentig oder Kantorowicz wurden deshalb alsbald zwangsversetzt oder entlassen bzw. gezielt in die Emigration getrieben. Auf diese Weise kam es zu einer relativ schnellen Neubesetzung der meisten juristischen Lehrstühle an der Christiana Albertina mit jungen, der nationalsozialistischen Ideologie aufgeschlossen gegenüberstehenden Rechtslehrern. Diese bildeten in der Folge die später sogenannte „Kieler Schule“.  All dies geschah im wesentlichen unter der Ägide des zuständigen Mitarbeiters im Berliner Kultusministerium, dem Rechtshistoriker Karl August Eckhardt (1901-1979). Dieser war von 1928 bis 1930 sowie 1933/34 kurzzeitig selbst Professor in Kiel gewesen und hatte während dieser Zeit unter anderem eine Studienreform im nationalsozialistischen Sinne propagiert (31). Die wichtigsten Vertreter der Kieler Schule waren der Rechtsphilosoph und Zivilrechtler Karl Larenz (1903-1993), die Zivilrechtler Wolfgang Siebert (1903-1959) und Karl Michaelis (1900-2001), die Strafrechtler Georg Dahm (1904-1963) und sowie der Öffentlichrechtler Ernst Rudolf Huber (1903-1990). Sie verfassten im Jahre 1935 gemeinsam die Programmschrift der Kieler Schule („Grundfragen der neuen Rechtswissenschaft“) (33), in der Folge aber auch eine Reihe von Einzelpublikationen in ihren jeweiligen Rechtsgebieten (34-38, 40-42). Das Gesamtprojekt der Kieler Schule scheiterte allerdings in letzter Konsequenz, denn die meisten ihrer Mitglieder  mit Ausnahme von Karl Larenz kehrten der Förde nach nur wenigen Jahren wieder den Rücken. Trotzdem blieb die Juristische Fakultät der Christiana Albertina bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges im wesentlichen ein Hort nationalsozialistischer Rechtslehre und -ideologie. Selbst in dieser Zeit wirkten in Kiel allerdings auch einzelne Hochschullehrer, die nicht prononciert regimefreundlich oder sogar eher regimekritisch eingestellt waren wie Arthur Nikisch (1888-1968, Prof. in Kiel 1938-1940) oder Eugen Wohlhaupter (1900-1946, Prof. in Kiel ab 1940).

 

Rechtswissenschaft an der Kieler Fakultät von 1945 bis in die Gegenwart

 

Trotz größter Kriegszerstörungen in der Stadt konnte die Kieler Universität bereits im Wintersemester 1945/46 ihren Betrieb wieder aufnehmen. Zu ihren Juraprofessoren zählten in dieser Zeit zunächst vor allem Gelehrte, die nicht als pronociert nationalsozialistisch belastet galten. Es waren dies etwa der Rechtshistoriker Eugen Wohlhaupter, der allerdings bereits Ende 1946 verstarb (44), der Strafrechtler Hellmuth Mayer (1895-1980, in Kiel ab 1944) (45), der Arbeitsrechtler Arthur Nikisch (wieder in Kiel ab 1950) oder Hermann von Mangoldt (1895-1953, in Kiel seit 1943), der Verfasser des bekannten Grundgesetzkommentars (49). Erst später konnten auch die ehemaligen Mitglieder der Kieler Schule Georg Dahm und Karl Larenz an die Fakultät zurückkehren, während die meisten von ihnen ihre neue akademische Heimat an der Göttinger Juristischen Fakultät  fanden. Dort avancierte Ernst Rudolf Huber zur anerkannten  Autorität der deutschen Verfassungsgeschichte (43), während Karl Larenz noch in Kiel seine zweite Karriere als führender deutschen Zivilrechtler der Nachkriegszeit und bekannter Lehrbuchautor begann (39). Ab den 1960er Jahren lehrten und forschten an der Förde  wiederum viele bekannte Vertreter ihres Faches, die jedoch oft nur wenige Jahre blieben. Dazu zählt  die erste ordentliche Professsorin in Kiel, die Strafrechtlerin und Kriminologin Hilde Kaufmann (1920-1981). Sie erarbeitete den ersten Band ihres Standardlehrbuches zur Kriminologie während ihrer Kieler Zeit (47). Im Strafrecht gab es daneben allerdings auch Fachvertreter, die  lange an der Kieler Fakultät tätig waren wie insbesondere die beiden persönlich eng miteinander befreundeten Rechtslehrer Erich Samson (1940-2014, Prof. in Kiel 1972-2002) und Eckard Horn (1938-2004, in Kiel ab 1977). Sie begründeten hier den bis heute von ihren Schülern fortgeführten „Systematischen Kommentar zum Strafgesetzbuch“ (50) und trugen beide jeweils auf ihre Weise zum weit über die Fördestadt hinausstrahlenden Ruf des Kieler Strafrechts bei.

Erich Samson war vor allem als Didaktiker und einer der Pioniere universitäterer Examensvorbereitungskurse einflussreich (51) und wurde außerdem durch seine praktische Tätigkeit als Strafverteidiger in bedeutenden Verfahren bundesweit bekannt. Eckard Horn gilt demgegenüber als einer der Mentoren des Umweltstrafrechts und des Sanktionenrechts als jeweils neue eigenständige Rechtsgebiete (52). Im Zivilrecht und im Öffentlichen Recht verfügte und verfügt die Kieler Fakultät in den letzten Jahrzehnten ebenfalls über anerkannte Rechtsgelehrte, die hier lange tätig waren bzw. noch sind. Beispiele dafür sind der renommierte Zivil- und Arbeitsrechtler Dieter Reuter (* 1940, in Kiel ab 1985) (53) und der Öffentlichrechtler Edzard Schmidt-Jortzig (* 1941, in Kiel ab 1982) (54). Letzterer bekleidete in der Tradition Gustav Radbruchs von 1996 bis 1998 sogar das Amt des Bundesministers der Justiz und brachte gegen Ende seiner Amtszeit das Sechste Strafrechtsreformgesetz auf den Weg, die umfassendste Reform des Besonderen Teils des Strafgesetzbuches seit seinem Inkrafttreten im Jahre 1872 (55). Eine besondere Stärke der Kieler Rechtswissenschaft, die auch im heutigen Fakultätsprofil noch immer niedergelegt ist, waren seit jeher die juristischen Grundlagenfächer. So wirkte hier seit 1965 jahrzehntelang der Rechtshistoriker Hans Hattenhauer (1931-2015), der als einer der ersten in Deutschland die Deutsche Rechtsgeschichte einer europäischen Perspektive öffnete und im Jahre 1992 das erste Lehrbuch zur Europäischen Rechtsgeschichte vorlegte (56).Sein Schüler und Lehrstuhlnachfolger Jörn Eckert (1954-2006) knüpfte daran an, indem er mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Ostseeraum die bis heute stattfindenden Ostseerechtshistorikertage begründete (58). In seiner Amtszeit als Rektor der Christiana Albertina von 2004 bis 2006 (57) bemühte er sich unter anderem um eine Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit der Kieler Universität und ihrer juristischen Fakultät. Etwa zeitgleich mit Hans Hattenhauer und Jörn Eckert wurde die Kieler Rechtsgeschichte außerdem noch durch den bis heute aktiven Werner Schubert (* 1936, in Kiel ab 1976) vertreten, der sich vor allem mit seinen zahlreichen Editionen wichtiger Gesetzes- und Rechtsprechungsmaterialien überregional einen Namen machte (59+60). Das wohl größte und sogar weit über Europa hinausstrahlende Renommee erreichte allerdings der Rechtsphilosoph Robert Alexy (* 1945, Prof. in Kiel ab 1986). Seine drei Monographien wurden jeweils in diverse Sprachen übersetzt und weltweit rezipiert (61-66).

 

Nachkriegszeit