Fachbibliothek des Juristischen Seminars

Kieler Rechtswissenschaft in Preußen, im Kaiserreich und in der Weimarer Republik

 

In preußischer Zeit verlief die Entwicklung der Fakultät zunächst weiterhin eher unspektakulär und die meisten ihrer Mitglieder sind heute allenfalls Spezialisten noch bekannt. Während des Kaiserreichs und in der Weimarer Republik gelang es dann allerings zunehmend, auch überregional anerkannte Gelehrte nach Kiel zu berufen. Prominentestes Beispiel dafür ist der Staatsrechtler Albert Hänel (1833-1918), der über 50 Jahre lang an der Christiana Albertina wirkte und dessen Nachlass im Kieler Juristischen Seminar verwahrt wird (17-21). Er gilt nicht nur als eines der führenden Mitglieder seiner Zunft im Kaiserreich, sondern erlangte überregionale Bedeutung außerdem durch sein politisches Engagement als Reichstagsabgeordneter der Fortschrittspartei. Deuschlands wohl renommiertester Verwaltungsrechtler seiner Epoche Walter Jellinek (1885-1955)  war immerhin zehn Jahre lang von 1919 bis 1929 Professor in Kiel. Hier entstand nicht nur sein verwaltungsrechtliches Hauptwerk (30), sondern er hinterließ auch als Direktor des Juristischen Seminars bleibende Spuren. Während seiner Amtszeit vervierfachte er nämlich dessen Buchbestände und baute es damit zur zweitgrößten juristischen Bibliothek in Deutschland nach der Leipziger Reichsgerichtsbibliothek aus.

Unter den Zivilrechtlern avancierte der Handels- und Seerechtler Max Pappenheim (1860-1934) (23) während seines über 40 Jahre währenden Wirkens in Kiel zum Grandseigneur seiner Fakultät. Neben seinen seerechtlichen Schriften fanden vor allem seine Forschungen und Publikationen zur skandinavischen Rechtsgeschichte starke Beachtung (22).

Das Strafrecht verzeichnet während des Kaiserreichs und der Weimarer Republik mit Moritz Liepmann (1869-1928, in Kiel 1902-1919) (25), Hans von Hentig (1887-1951, in Kiel 1931-1934) (31), Hermann Kantorowicz (1877-1940, in Kiel 1929-1933) (28+29) und Gustav Radbruch (1878-1949, in Kiel 1919-1926) eine besonders große Zahl führender Vertreter. Während die ersten beiden sich vor allem als Kriminologen einen Namen machten, erlangten letztere beide vor allem als Rechtsphilosophen große Anerkennung (26). Gustav Radbruch war zudem als Strafrechtsreformer aktiv und konnte als zweimaliger Reichsjustizminister in 1920er Jahren die Strafrechtsreform im Sinne der „modernen Schule“ seines Lehrers Franz von Liszt auch praktisch vorantreiben. So wurden etwa die sogenannten „Geldstrafengesetze“, die erstmals seit dem Inkraftreten des Reichsstrafgesetzbuches die resozialisierungsfeindliche kurze Freiheitsstrafe zu Gunsten der Geldstrafe massiv zurückdrängten, von ihm veranlasst und traten während seiner Amtszeit in Kraft (27).

 

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