Fachbibliothek des Juristischen Seminars

Rechtswissenschaft an der Kieler Fakultät von 1945 bis in die Gegenwart

 

Trotz größter Kriegszerstörungen in der Stadt konnte die Kieler Universität bereits im Wintersemester 1945/46 ihren Betrieb wieder aufnehmen. Zu ihren Juraprofessoren zählten in dieser Zeit zunächst vor allem Gelehrte, die nicht als pronociert nationalsozialistisch belastet galten. Es waren dies etwa der Rechtshistoriker Eugen Wohlhaupter, der allerdings bereits Ende 1946 verstarb (44), der Strafrechtler Hellmuth Mayer (1895-1980, in Kiel ab 1944) (45), der Arbeitsrechtler Arthur Nikisch (wieder in Kiel ab 1950) oder Hermann von Mangoldt (1895-1953, in Kiel seit 1943), der Verfasser des bekannten Grundgesetzkommentars (49). Erst später konnten auch die ehemaligen Mitglieder der Kieler Schule Georg Dahm und Karl Larenz an die Fakultät zurückkehren, während die meisten von ihnen ihre neue akademische Heimat an der Göttinger Juristischen Fakultät  fanden. Dort avancierte Ernst Rudolf Huber zur anerkannten  Autorität der deutschen Verfassungsgeschichte (43), während Karl Larenz noch in Kiel seine zweite Karriere als führender deutschen Zivilrechtler der Nachkriegszeit und bekannter Lehrbuchautor begann (39). Ab den 1960er Jahren lehrten und forschten an der Förde  wiederum viele bekannte Vertreter ihres Faches, die jedoch oft nur wenige Jahre blieben. Dazu zählt  die erste ordentliche Professsorin in Kiel, die Strafrechtlerin und Kriminologin Hilde Kaufmann (1920-1981). Sie erarbeitete den ersten Band ihres Standardlehrbuches zur Kriminologie während ihrer Kieler Zeit (47). Im Strafrecht gab es daneben allerdings auch Fachvertreter, die  lange an der Kieler Fakultät tätig waren wie insbesondere die beiden persönlich eng miteinander befreundeten Rechtslehrer Erich Samson (1940-2014, Prof. in Kiel 1972-2002) und Eckard Horn (1938-2004, in Kiel ab 1977). Sie begründeten hier den bis heute von ihren Schülern fortgeführten „Systematischen Kommentar zum Strafgesetzbuch“ (50) und trugen beide jeweils auf ihre Weise zum weit über die Fördestadt hinausstrahlenden Ruf des Kieler Strafrechts bei.

Erich Samson war vor allem als Didaktiker und einer der Pioniere universitäterer Examensvorbereitungskurse einflussreich (51) und wurde außerdem durch seine praktische Tätigkeit als Strafverteidiger in bedeutenden Verfahren bundesweit bekannt. Eckard Horn gilt demgegenüber als einer der Mentoren des Umweltstrafrechts und des Sanktionenrechts als jeweils neue eigenständige Rechtsgebiete (52). Im Zivilrecht und im Öffentlichen Recht verfügte und verfügt die Kieler Fakultät in den letzten Jahrzehnten ebenfalls über anerkannte Rechtsgelehrte, die hier lange tätig waren bzw. noch sind. Beispiele dafür sind der renommierte Zivil- und Arbeitsrechtler Dieter Reuter (* 1940, in Kiel ab 1985) (53) und der Öffentlichrechtler Edzard Schmidt-Jortzig (* 1941, in Kiel ab 1982) (54). Letzterer bekleidete in der Tradition Gustav Radbruchs von 1996 bis 1998 sogar das Amt des Bundesministers der Justiz und brachte gegen Ende seiner Amtszeit das Sechste Strafrechtsreformgesetz auf den Weg, die umfassendste Reform des Besonderen Teils des Strafgesetzbuches seit seinem Inkrafttreten im Jahre 1872 (55). Eine besondere Stärke der Kieler Rechtswissenschaft, die auch im heutigen Fakultätsprofil noch immer niedergelegt ist, waren seit jeher die juristischen Grundlagenfächer. So wirkte hier seit 1965 jahrzehntelang der Rechtshistoriker Hans Hattenhauer (1931-2015), der als einer der ersten in Deutschland die Deutsche Rechtsgeschichte einer europäischen Perspektive öffnete und im Jahre 1992 das erste Lehrbuch zur Europäischen Rechtsgeschichte vorlegte (56).Sein Schüler und Lehrstuhlnachfolger Jörn Eckert (1954-2006) knüpfte daran an, indem er mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Ostseeraum die bis heute stattfindenden Ostseerechtshistorikertage begründete (58). In seiner Amtszeit als Rektor der Christiana Albertina von 2004 bis 2006 (57) bemühte er sich unter anderem um eine Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit der Kieler Universität und ihrer juristischen Fakultät. Etwa zeitgleich mit Hans Hattenhauer und Jörn Eckert wurde die Kieler Rechtsgeschichte außerdem noch durch den bis heute aktiven Werner Schubert (* 1936, in Kiel ab 1976) vertreten, der sich vor allem mit seinen zahlreichen Editionen wichtiger Gesetzes- und Rechtsprechungsmaterialien überregional einen Namen machte (59+60). Das wohl größte und sogar weit über Europa hinausstrahlende Renommee erreichte allerdings der Rechtsphilosoph Robert Alexy (* 1945, Prof. in Kiel ab 1986). Seine drei Monographien wurden jeweils in diverse Sprachen übersetzt und weltweit rezipiert (61-66).

 

Nachkriegszeit